Geschichte

Karl Eusebius von Liechtenstein (1611-1684) hatte als Verfasser eines groß angelegten Architekturtraktats über die Baugeschichte des Gartenpalais den Grundstein zur Bauwut seiner Familie gelegt. Seinem Sohn Johann Adam Andreas von Liechtenstein (1657-1712) blieb es vorbehalten, diese in der ersten Hochblüte österreichischer Barockarchitektur auch in die Realität umzusetzen. Eine Unzahl von Bauvorhaben machten ihn zu einem der größten Bauherrn des Barock. In Wien realisierte er gleichzeitig mehrere große Projekte: In der Rossau entstanden eine weitläufige Gartenanlage, ein luftiges Belvedere und auf derselben Parzelle der große Sommerpalast. Johann Adam von Liechtenstein bediente sich bei seinen Bauführungen im Wesentlichen einer neuen, aus Italien kommenden Architektengeneration. Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723) hatte lange Jahre in Rom verbracht, ehe er in Salzburg und Wien seine ersten Bauten realisieren konnte. Domenico Egidio Rossi (1659-1715) erhielt seine Ausbildung in Bologna, der in Lucca geborene Domenico Martinelli (1650-1718) war bis zu seiner Berufung nach Wien Professor für Architektur an der renommierten Accademia di San Lucca in Rom. Willkommener Mittler zwischen Nord und Süd dürfte Fürst Anton Florian von Liechtenstein (1656-1721) gewesen sein, der Neffe des Wiener Bauherrn, der als Gesandter in Rom die nötigen Kontakte zu den Architekten, Malern und Stuckateuren aus dem Süden herstellen konnte.

Johann Adam Andreas von Liechtenstein ist als einer der ersten Adeligen Wiens bestrebt, vor den Toren der Stadt ein repräsentatives Sommerpalais zu errichten. Am 17. Juni 1687 kauft er ein großes Grundstück in der Rossau und wendet sich nach Rom und Venedig, um Entwürfe für den Neubau dieses Palastes zu erhalten. 1688 legt der eben von einem langen Aufenthalt in Italien nach Wien gekommene Johann Bernhard Fischer von Erlach ein Projekt vor, das sowohl den Palast als auch ein den Garten abschließendes Belvedere beinhaltet. Letzteres ist 1689 bereits in Bau.
Den ersten detaillierten Entwurf zum Gartenpalast, Fischers luftigem Belvedere gegenüber, lieferte Domenico Egidio Rossi 1690. Sein an den fürstlichen Bauherrn gelieferter Plansatz hat sich zum Teil in Originalen, zum Teil in Kopien des 19. Jahrhunderts erhalten.

Nach dem Baubeginn 1692 greift Domenico Martinelli, der bezüglich Feldsberg bereits seit 1691 mit dem Fürsten in Kontakt stand, in das Baugeschehen ein. Er behält den Typus des Gebäudes im Wesentlichen bei, greift jedoch in der Detailgestaltung entschieden in Rossis Entwurf ein. Nach einem längeren Baustillstand ab 1694- die Fertigstellung des Stadtpalastes, ebenfalls durch Martinelli, hatte offensichtlich Vorrang- folgt ab 1699 die Fertigstellung des Palastes in der Rossau. Beim Tod des Fürsten (1712) ist der Außenbau fertiggestellt, die Innenausstattung aber noch immer nicht abgeschlossen. Das Gartenpalais ist als villa rustica konzipiert. Im Erdgeschoss liegt eine ursprünglich zur Gänze offene Halle, die an der Ehrenhofseite von zwei mächtigen Treppenflügeln, an der Gartenfront durch zwei je drei Räume umfassende Appartements flankiert ist. Zentrum des Obergeschosses ist der monumentale, durch zwei Geschosse reichende Saalbau des Palais, nach der Ikonographie des großen Deckengemäldes Herkulessaal genannt. An der Gartenseite liegen, entsprechend dem Erdgeschoss, wieder zwei je dreiräumige Appartements.

Die Ausstattung, allen voran die Fresken, die Ölbilder und der Stuck, zählt zum Kostbarsten und Geschlossensten dessen, was in Wiener Barockpalais erhalten blieb. Bereits am 4. September 1692 bestellt Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein bei seinem Lieblingsmaler, dem Bolognesen Marcantonio Franceschini (1648-1729), zwei Serien von Ölbildern für das piano nobile, die ursprünglich anstelle von Tapezierungen beziehungsweise Tapisserien alle Wände bekleiden sollten. Diese opulente Idee einer Ausstattung wird jedoch schon bald auf einen Zyklus von Deckenbildern beschränkt. Die schon gelieferten Gemälde befinden sich heute größtenteils in den fürstlichen Sammlungen. Später ins Gartenpalais aufgenommen wurde ein Bestand von Deckenbildern des Venezianers Antonio Bellucci (1654-1715), die der Fürst für das Majoratshaus in der Bankgasse bestellt hatte, wo sie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Deckenspiegel zierten. Diese konsequente Hinwendung zu italienischen Künstlern - bis auf Johann Michael Rottmayr - hat der Fürst lapidar mit einem Hinweis auf die mangelnden Fähigkeiten heimischer Künstler begründet (perche in questi parti qui non si trova gente, che habbia buon gusto d'invenzione). In jahrelanger Korrespondenz gelingt es ihm, weitere Künstler aus Italien nach Wien zu ziehen. Freilich nimmt er damit auch in Kauf, dass sich die Fertigstellung der Arbeiten durch Santino Bussi, Giovanni Giuliani, Marcantonio Franceschini und Andrea Pozzo noch lange hinauszögert. Eine zentrale Rolle der Ausstattung nimmt das große Deckenfresko des Herkulessaals ein, das Andrea Pozzo (1642-1709), aus Trient stammend und in Rom zu Ruhm gelangt, zwischen 1704 und 1708 geschaffen hat. Thema dieses Freskos sind die Taten und Apotheose des Herkules.
Die Deckenfresken Rottmayrs in den Erdgeschoßräumen bilden einen frühen Höhepunkt illusionistischer Freskenmalerei in Österreich.
Seit April 2006 sind nunmehr die vollständig fertig restaurierten Treppenhäuser des Gartenpalais Liechtenstein in der Rossau wieder öffentlich zugänglich. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten des Palais waren bedeutende Fresken Johann Michael Rottmayrs in beiden Treppenhäusern wieder entdeckt worden. Nach langer und eingehender Diskussion entschloss sich Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein, diesen für die Kunstgeschichte so bedeutenden Fund restaurieren und die Fehlstellen rekonstruieren zu lassen.
In einzigartiger Vollständigkeit ist die Stuckdekoration des gesamten Palais erhalten. Sie stammt aus der Hand von Santino Bussi (1664–1736) und stellt zweifellos eine der qualitätvollsten Stuckausstattungen des Hochbarock auf Wiener Boden dar.

Nach der ersten Blütezeit des Palais im Barock, das auf den Ansichten Bernardo Bellottos in den fürstlichen Kunstsammlungen oder den gestochenen Veduten Salomon Kleiners verführerisch dargestellt ist, erlebte das Areal ein wechselhaftes Schicksal. Im Zuge der Umgestaltung in einen englischen Garten wurden die meisten der unzähligen Barockskulpturen von Giovanni Giuliani (1664-1744) verkauft. 1873 wurde Fischers Belvedere an der Alserbachstraße abgerissen und durch einen wesentlich größeren Neubau Heinrich von Ferstels ersetzt, der sich in seinem Mittelrisalt an den Vorgängerbau anlehnt und damit nach wie vor einen Point de Vue für das Barockpalais abgibt.

1912-1914 erfolgte der Einbau der klassizistischen Bibliothek aus dem Palais in der Herrengasse in die westlichen Erdgeschoßappartements durch Gustav Ritter von Neumann.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war die Galerie mit den erlesenen Kunstwerken der fürstlichen Privatsammlung im Gartenpalais öffentlich zugänglich und blieb es bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Die fürstliche Familie verlagerte 1938 ihren Wohnsitz nach Vaduz und auch die Kunstschätze wurden bis 1948 dorthin verbracht.
1957-1978 wurde das Palais mit dem Garten vom Österreichischen Bauzentrum als Ausstellungsbereich genutzt. 1979 zog das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig als Mieter ein. Es schloss dort im Hinblick auf die Eröffnung des Museums Moderner Kunst im künftigen Museumsquartier mit Ende des Jahres 2000 seine Pforten.

Die Sanierung des Gartenpalais und des Parks wurde 2001 begonnen, große Teile des Gebäudes wurden neu unterkellert, um die nicht vorhandenen notwendigen Nebenräume zu schaffen, das Palais wurde klima- und sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand gebracht und alle technischen Einbauten erfolgten unter größtmöglicher Schonung der wertvollen Substanz. Die prachtvolle Innenausstattung, die Deckengemälde Belluccis und Franceschinis, die Fresken Pozzos und Rottmayrs, der Deckenstuck Bussis, die Steinskulpturen Giulianis und die klassizistische Bibliothek wurden einer behutsamen Restaurierung unterzogen, um die Patina zu bewahren.

Eckpfeiler der Neugestaltung des Gartens bildete einerseits die Erinnerung an den barocken Garten, andererseits die Idee des Landschaftsgartens des 19. Jahrhunderts. Unmittelbar an das Palais anschließend liegt das barocke Gartenparterre, das in den englischen Garten übergeht.

Im März 2004 konnte nach Abschluss der Arbeiten das LIECHTENSTEINMUSEUM eröffnet werden, die Anlage des Gartenpalais ist nun mit den Exponaten der Fürstlichen Sammlungen als barockes Gesamtkunstwerk erlebbar.
Gleichzeitig wurde der neu gestaltete Park für das Publikum geöffnet und ist nun auch von der Alserbachstraße aus zugänglich.

 

 


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